Wettlauf gegen den eigenen Körper

Ein sehr schlanker Körper verhilft Sportlern oft zu Spitzenleistungen und einem Gefühl der Schwerelosigkeit, auch beim Laufen. Doch MAnchmal wird die Diät zur Krankheit.

 

erschienen in Runner's World 8/2013

 

VON NELE LANGOSCH

 

 

Es war heiß. Sophie* spürte die Sonne auf ihrer Haut, den Wind in ihren blonden, langen Haaren. In dem Sommer, als ihr das Leben entgleiten sollte, saß sie mittags oft auf einer Bank im Park. Endlich konnte sie entspannen. Doch als sie wieder aufstand, wurde ihr schwarz vor Augen. Ihre Knie sackten weg, so schwach war sie. „Das wird die Hitze sein“, dachte Sophie, „oder der Stress bei der Arbeit.“ Doch wer ihr die Kraft nahm, war sie selbst.

 

Damals wog Sophie nur noch 38 Kilo. Dass sie so stark abnahm, lag nicht nur daran, dass sie wenig aß. Sie ging auch noch fast jeden Tag laufen, dazu fuhr sie viel Fahrrad, machte Fitness-Übungen, liebte Nordic Walking und Inline-Skating. Sophie leidet an Anorexia athletica, an Sportmagersucht, einer Kombination aus Extrem-Diät und Training. Die Sportmagersucht unterscheidet sich von der bisher bekannten Magersucht (Anorexia nervosa) dadurch, dass der Gewichtsverlust vor allem dient dazu, bessere sprotliche Leistung zu erzielen.

 

Beim Langstreckenlauf, aber auch bei anderen Ausdauer- und Kampfsportarten spielt das Gewicht eine große Rolle für den Erfolg, sei es über die Kondition (einem leichteren Körper steht relativ mehr Sauerstoff pro Kilo Körpergewicht zur Verfügung), sei es über die Einstufung in eine niedrigere Gewichtsklasse, denn dadurch steigt die Chance, gegen einen schwächeren Gegner kämpfen zu können. Der Plan geht in der Regel zunächst auf: Einer Studie zufolge werden Läufer mit jedem Kilo, das sie weniger wiegen, zweieinhalb Sekunden pro Kilometer schneller. Über die Marathondistanz macht ein Gewichtsverlust von fünf Kilo laut dieser Untersuchung knapp neun Minuten aus.

 

Einige Leistungssportler können nach Beendigung ihrer Karriere oder in Trainingspausen zu einem normalen Essverhalten zurückfinden. Aus diesem Grund ist Anorexia athletica bisher keine anerkannte Essstörung. Nicht wenige Betroffene gleiten jedoch in eine klassische Magersucht ab. Sie werden so dünn, dass ihr Körper den Trainingsbelastungen nicht mehr standhält. Dann nehmen auch ihre sportlichen Leistungen ab. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Etwa 20 bis 25 Prozent aller Athletinnen haben eine Essstörung.

 

Auch Breitensportler versuchen häufig abzunehmen, um größere Trainingserfolge zu erzielen oder sich einfach nur leichter und beweglicher zu fühlen, gerade beim Laufen. Auslöser ist neben sportlichem Ehrgeiz oft eine einschneidende Veränderung im Leben – so auch bei Sophie: Nach dem Abitur zog sie nach Paris, kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt einer fremden Familie, war viel allein. Um gegen Einsamkeit und Überforderung anzukämpfen, lief sie einfach los.

 

„Der Sport gab mir ein Stück Leichtigkeit zurück“, erzählt die 24-Jährige. Doch die Einsamkeit schlug ihr auch auf den Magen. Sie aß wenig und nahm dadurch ab. Plötzlich merkte Sophie: Je leichter sie wurde, desto mehr Kondition hatte sie auch. „Ich lief länger und länger“, erzählt sie. „Und wenn ich im frischen Wind immer weniger Gewicht mit mir herumtrug, fühlte ich mich einfach frei.“

 

Sophie war immer schlank, aber als sie nach einigen Monaten in Paris nach Deutschland zurückkehrte, war sie mager. Sie wog nur noch 45 Kilo bei einer Körpergröße von 1,67 Metern. Ihre Eltern waren geschockt. Und Sophie zunächst auch: „Mir war nicht klar, dass ich so viel abgenommen hatte. Ich wollte zuerst unbedingt wieder zunehmen.“

 

Doch der Sport war ihr längst zu wichtig geworden, um einfach aufzuhören. Sophie lief nun jeden Tag bis zu einer Stunde, fuhr 20 Kilometer Fahrrad, machte Nordic Walking und weiter ihre Fitness-Übungen wie Sit-Ups und Liegestütze. Gleichzeitig überwachte sie ihr Essverhalten sehr genau: „Wenn ich mal etwas mehr aß, hatte ich das Gefühl, meinen Körper zu vergewaltigen“, sagt sie

 

***

 

Nur eine neue Aufgabe änderte Sophies Lage: Sie begann eine Ausbildung, war plötzlich zufrieden, nahm sogar etwas zu. Zum Laufen fand sie jetzt nur noch selten die Zeit. Doch bei der Arbeit war sie trotzdem den ganzen Tag auf den Beinen. Nach einiger Zeit sollte sie in ihrem neuen Job mehr Verantwortung übernehmen. Sophie wollte 100 Prozent geben, alles perfekt machen. „Doch der Druck in der Ausbildung wurde größer, und ich hielt ihm nicht stand“, erzählt sie. „Da hat es dann wieder angefangen.“ Sie hatte keinen Appetit mehr, das Essen wurde zur Qual. Eine Abwärtsspirale begann.

 

Zu diesem Zeitpunkt war Sophie bereits von einer Sportmagersucht in eine Magersucht ohne Sport abgerutscht. Das Training spielte nun nur noch eine untergeordnete Rolle, Essen und Gewicht standen im Vordergrund. „Ich hatte völlig den Bezug zur Normalität verloren“, sagt Sophie. „Ich war felsenfest überzeugt, dass ich mich so verhielt, wie es für mich richtig ist.“ Wenn sie in den Spiegel schaute, war sie zufrieden mit ihrem  Körper. Was sie ihm antat, nahm sie nicht mehr wahr. „Ich fühlte mich wie unter einer Käseglocke gefangen“, beschreibt sie sich selbst in dem Sommer, in dem sie zusammenbrechen sollte.

 

Höchstens ein Mal im Monat fand Sophie noch die Kraft, sich mit einer Freundin zum Kino zu verabreden. Sie bekam Kreislauf- und Verdauungsprobleme. Ihre Regelblutung blieb schon länger aus. Die Fitnessübungen machte sie jedoch weiterhin, trotz eines BMI von 13. Ab einem BMI von 16 gilt man als stark untergewichtig. Ihr Leben war in Gefahr. Doch Sophie hatte sich  jetzt ein Ziel gesetzt, das sie unbedingt erreichen wollte: Die Abschlussprüfung ihrer Ausbildung stand unmittelbar bevor. Bis dahin hieß es durchhalten, vor allem für ihren Körper. Deshalb beschloss Sophie, ihre Kreislauf- und Verdauungsprobleme in einer Klinik untersuchen zu lassen. Dort erhoffte sie sich unkomplizierte und schnelle Hilfe.

 

Doch die Ärzte schlugen sofort Alarm: „Sie wollten mich gleich da behalten und künstlich ernähren“, erzählt sie. Aber die Ausbildung auszusetzen, kam für Sophie nicht in Frage. Die junge Frau entließ sich selbst gegen ärztlichen Rat und bestand die Abschlussprüfung. „Wie ich das geschafft habe, obwohl ich bereits so dünn war, kann ich nicht sagen.“

 

***

 

Perfektionistische Menschen, die unsicher und unzufrieden mit sich selbst sind, erkranken Studien zufolge besonders häufig an einer Anorexie. Sophie erzählt: „Ich war zwar immer schon ehrgeizig, aber auch ständig auf der Suche nach dem, was ich wirklich will. Ich konnte mich nicht mit mir identifizieren. Und nicht mit meinem Körper.“ Wenn ihre Eltern sie auf ihre Magerkeit ansprachen, reagierte Sophie abweisend und aggressiv. Sie wollte sich nichts sagen lassen, kein Kind mehr sein.

 

Doch nach ihrer Flucht aus der Klinik und dem Abschluss der Ausbildung hatte sich etwas verändert: Sophie hatte kein Ziel mehr. Alles wurde ihr plötzlich zu viel. Und sie erkannte: Sie war nicht stark genug, um allein aus ihrem Teufelskreis auszubrechen. Also sprach sie endlich offen mit ihrer Mutter. „Erst da wurde mir richtig bewusst, dass ich nicht normal bin, dass ich eine Essstörung habe“, erzählt sie.

 

Sophie meldete sich in einem ambulanten Therapiezentrum an und begann eine Psychotherapie. Außerdem wurde ihr Körper gründlich untersucht: Eine Knochendichtemessung ergab, dass sie inzwischen kurz vor der Osteoporose stand. Grund war ein gestörter Hormonhaushalt durch die jahrelange Mangelernährung. Für Sophie war das Therapiezentrum der letzte Ausweg. „Ich musste erst die körperlichen Folgen spüren, um zu begreifen, dass es um Leben und Tod ging“, sagt sie. Zusammen mit den Ärzten erstellte sie Ernährungspläne. Man erteilte ihr ein absolutes Sportverbot. Nur Spazierengehen und leichtes Yoga waren noch erlaubt.

 

Doch das Zunehmen ging sehr langsam voran. Nach drei Jahren Behandlung wiegt sie inzwischen 45 Kilo. Ihre Hüftknochen zeichnen sich immer noch unter der Hose ab. „Fünf Kilo mehr möchte ich auf jeden Fall schaffen“, sagt sie. Was sie bereits heute geschafft hat, ist: mehr Lebensfreude. „Heute habe ich Spaß am Leben und weiß, was ich will“, sagt sie. Vor allem freut sie sich darauf, irgendwann wieder laufen gehen zu können. „Ich darf es nicht übertreiben, aber in Maßen ist Sport auch für mich gesund. Und nach dem Laufen fühle ich mich einfach wie auf Wolken. Das ist unbeschreiblich schön.“

 

*Name geändert