Sehnsucht nach Zuhause

Besonders wenn die Not groß ist, braucht man einen Platz, an dem man sich geborgen fühlt. Ein Dach über dem Kopf, das ein bisschen Sicherheit bietet. Darum kümmert sich die Hilfsorganisation Shelter Box.

erschienen in Happy Way 1/2015

 

VON NELE LANGOSCH

 

Die Natur kann gnadenlos sein. Dann peitscht sie mit rasenden Winden über das Land, reißt Dächer herunter und Bäume aus. Dann lässt sie Wellen über Häusern zusammenbrechen oder den Regen herniederprasseln, bis die stärksten Mauern schwach werden. Dann bebt die Erde und Vulkane schleudern Glut in die Luft, bis die Umgebung in Schutt und Asche liegt. Doch nicht nur die Natur, auch die Menschen selbst treiben andere in die Flucht oder zerstören ihre Heimat. Wer solch eine Katastrophe überlebt, hat oft alles verloren und steht hilflos vor den Trümmern seines Lebens. Ungeschützt, ohne ein Dach über dem Kopf schauen die Zurückgelassenen einer ungewissen Zukunft entgegen.

 

 

 

Diesen Menschen neuen Lebensmut zu geben, ist das Ziel der Hilfsorganisation Shelter Box. Sie verteilt in Katastrophengebieten große Kisten mit allem, was eine Familie für ein halbes Jahr zum Überleben braucht, weil sie ihr Zuhause verloren hat – ob durch Überschwemmungen, Taifune, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder durch Krieg, Verfolgung und Flucht. Das Kernstück der Kiste ist ein großes Zelt. Zudem enthält sie Decken und Bodenmatten, eine Wasseraufbereitungsanlage und Kanister, einen Kocher und Geschirr, eine solarbetriebene Lampe, Werkzeug sowie ein Malset für die Kinder. Bis zu 150 Einzelteile stecken in einer Überlebenskiste, die insgesamt etwa 58 Kilo wiegt. Die Boxen werden für jeden Einsatz individuell in der Zentrale der Organisation in England zusammengestellt. Für Einsätze in tropischen Überschwemmungsgebieten packen die Mitarbeiter zusätzlich Moskitonetze ein, in winterlichen Regionen Mützen und Handschuhe.

 

 

 

Gegründet wurde Shelter Box im Jahr 2000 von Tom Henderson, Mitglied eines britischen Rotary-Clubs. Der ehemalige Rettungstaucher erkannte, dass im Fall einer humanitären Katastrophe zwar meistens schnell Nahrung und Medikamente geliefert wurden; an Notunterkünften dagegen mangelte es fast immer. Shelter Box schließt diese Versorgungslücke. Mit Hilfe der vernetzten Mitglieder der Rotary-Clubs weltweit baute Tom Henderson seine Hilfsorganisation immer weiter aus. Heute ist sie in 18 Ländern vertreten und hat bereits mehr als 135000 Überlebenskisten auf sechs Kontinenten verteilt.

 

 

 

Finanziert werden die Einsätze ausschließlich durch Spenden. Die meisten Mitarbeiter der Organisation sind Freiwillige, die die Welt ein wenig besser machen wollen. Eine von ihnen ist Eva Doerr. Die 25-Jährige Studentin engagiert sich bereits seit mehr als 5 Jahren bei Shelter Box. Seit 2012 ist sie ausgebildete Katastrophenhelferin und Mitglied eines Shelter Box Response Teams. In Kleingruppen wie diesen reisen die Freiwilligen innerhalb kürzester Zeit in die Katastrophengebiete, um zunächst zu erkunden, welche Hilfsgüter dort am meisten gebraucht werden. „Jeder Einsatz ist anders, es gibt bei Katastrophen keine Patentlösung. Wir entscheiden vor Ort, wie Shelter Box am besten helfen kann“, sagt Eva Doerr. Anhand der Angaben des Teams werden die Kisten in der englischen Zentrale gepackt und versandt. Innerhalb von 24 Stunden können sie vor Ort sein. Sind die zerstörten Dörfer nur noch zu Fuß erreichbar, helfen oft auch Tiere beim Transport der Hilfsgüter.

 

 

 

Sind die Kisten angekommen, werden die Zelte aufgebaut. Sie wurden so entwickelt, dass sie auch extremen Wetterbedingungen standhalten. Das „Zuhause auf Zeit“ gibt den verzweifelten Menschen in ihrer zerstörten Heimat Hoffnung auf einen Neuanfang. „Ein Dach über dem Kopf macht es ihnen leichter, in den Alltag zurückzukehren“, sagt Eva Doerr. Es bedeutet Wärme, Schutz vor der Umwelt, aber auch Privatsphäre. Und: „Es gibt den Überlebenden ihre Würde zurück“, so die Helferin. Ihr erster Einsatz führte Eva Doerr 2012 an die Schwarzmeerküste in Russland, wo die stärksten Überschwemmungen seit Jahrzehnten Hunderte Menschen obdachlos werden ließen. Als sie ihr erstes Zelt aufgebaut hatte und die Freude in den Augen der Familien sah, kamen ihr selbst die Tränen: „Die Menschen fielen mir vor Dankbarkeit um den Hals. Das Zelt gibt ihnen das Gefühl, dass sie auf andere zählen können.“ So wird es zum Symbol für Solidarität, Menschlichkeit und Fürsorge. Ganz im Sinne der christlichen Weihnachtsbotschaft: Auch Maria und Josef suchten vor über 2000 Jahren ein Dach über dem Kopf, einen Rückzugsort – und fanden Zuflucht in einer Scheune. Im Schutz der vier Wände wurde das Jesuskind geboren. Auch in einem Zelt von Shelter Box kam bereits ein Baby zur Welt: Im November 2013 nach dem Taifun Haiyan auf den Philippinen, gesund und voll Lebenskraft und Zuversicht.

 

 

 

Wenn sie das Elend in den Katastrophengebieten sehe, sagt die Freiwillige Ea Doerr, fühle sie sich weniger hilflos als zuhause vor dem Fernseher. „Natürlich begegnet man traurigen Schicksalen“, sagt sie. „Doch man sieht auch, wie stark die Menschen sind und wie gut sie sich gegenseitig helfen.“ Das erlebte sie auch nach den schweren Überschwemmungen 2013 in Nordindien, die mehr als 10000 Tote forderten: Die Überlebenden berichteten ihr damals, dass sie keine der angebotenen Hilfsgüter brauchten. Sie hätten mit der Unterstützung ihrer Familien bereits Übergangs-Schlafplätze gefunden und sich mit dem Nötigsten selbst versorgt. „Die Menschen hatten in ihrer Gemeinschaft Wege gefunden, mit der Katastrophe umzugehen“, sagt sie. „Das war beruhigend zu sehen.“ Vor Ort beraten sich die Teams mit lokalen Hilfsorganisationen. Wenn deutlich wird, dass die sozialen Strukturen funktionieren, ziehen sie wieder ab. So wird sichergestellt, dass keine Kisten sinnlos in ein Gebiet geliefert werden.

 

 

 

Aktuell ist Shelter Box unter anderem in den Konfliktgebieten in Syrien und im Nordirak sowie im Libanon im Einsatz. Häufig ist die Gefahr für die fremden Helfer dort jedoch zu groß, so dass sie sich bei der Verteilung der Kisten auf einheimische Partnerorganisationen verlassen. Die Studentin Eva Doerr wurde bereits zwei Mal wegen der angespannten Sicherheitslage aus dem Libanon evakuiert. „Einfach wegzufliegen und die Menschen zurückzulassen, fiel mir unglaublich schwer“, sagt sie. „Ihre Schicksale sind mir persönlich wichtig geworden. Shelter Box hat meinen Blick auf die Welt verändert.“ Das Ziel der Organisation ist es, pro Jahr 500000 Menschen mit Notunterkünften zu versorgen – und ein Zuhause auf Zeit zu schenken.